Will ich trocken bleiben und keinen Alkohol mehr trinken?
- NICHOLAS

- 9. Sept.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Sept.

Die Frage hat den Anschein, einfach beantwortet zu sein, doch birgt sie einiges an Hintergrund. Zum einen neige ich als Alkoholiker dazu, in der Vergangenheit oder Zukunft zu leben. Das mag daran liegen, dass ich in meiner nassen Zeit ein zutiefst unzufriedener Mensch war. Meine Lebenssituation war entsprechend schlecht: In meinem Freundeskreis waren letztlich nur noch Trinkerinnen und Trinker, mein Konsum führte mich an Orte und in Situationen, die ich nüchtern nie aufgesucht oder herbeigeführt hätte, beruflich und sozial ging nichts weiter, Begleiterkrankungen wie Angst und Depression dominierten mein Leben und ich flüchtete mich über Jahre hinweg in die Zukunft, weil meine Vergangenheit zum Speiben und das Jetzt schwer erträglich war. Meine Eskapaden mit fremden Frauen in den unterschiedlichsten Schlafzimmern dieses Planeten spendeten mir nur kurzfristigen Trost. Es gibt ein Sprichwort, das die Situation gut auf den Punkt bringt: Der trockene Alkoholiker trinkt heute nicht, der nasse Alkoholiker trinkt morgen nicht.
Mein alter Leitsatz morgen, morgen, nur nicht heute wurde zu einer Charaktereigenschaft, die ich nicht über Nacht losgeworden bin und mein berufliches wie privates Leben prägte. Die nicht eingehaltenen, großspurigen Vorsätze und Ankündigungen haben mich in den Strudel des schlechten Gewissens gerissen. Es folgte Scham, die ich – Überraschung – mit Alkohol zu lindern versuchte. Somit habe ich in meiner trockenen Zeit gelernt, die Klappe zu halten und mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Also nur heute nicht zu trinken und den heutigen Tag zu leben. Diese Methode ist erprobt und simpel wie genial zugleich. Die Frage nach der Endlichkeit stellt sich somit nicht und ich muss auch nur für einen Tag lang nicht trinken. Ein erträglicher Gedanke für einen Alkoholiker.
Doch mit zunehmender Dauer meiner Trockenheit – mittlerweile sind es 19 Monate – werde ich immer häufiger von Menschen gefragt, wie lange ich meine „Trinkpause“ einlegen möchte. Eine Pause ist es für mich längst nicht mehr, sondern die bewusste Entscheidung für einen nüchternen und substanzfreien Lebensstil. Meine neu gewonnenen Freiheiten und die Klarheit sind überwältigend und ich möchte sie gegen keinen Rausch der Welt eintauschen. Gleichzeitig lerne ich nach 19 Monaten immer noch gehörig dazu und will mir nicht einreden, in trockenen Tüchern zu liegen – die Krankheit wird mich mein Leben lang begleiten, auch wenn ich seit Monaten kein Verlangen nach Alkohol habe. Rückfälle gibt es auch nach 30 Jahren. Also bloß nicht die Bodenhaftung verlieren. An dieser Stelle fällt mir ein Witz ein: Treffen sich zwei Alkoholiker. Beide sind mehrere Jahrzehnte trocken. Fragt der eine den anderen: „Was würdest du tun, wenn du kein Alkoholiker wärst?“ Dieser antwortet energisch: „Ich würde mich sofort betrinken!“
Lange Rede kurzer Sinn: Das Leben ist - trotz all seiner Höhen und Tiefen - nüchtern einfach Lebenswerter, unfassbar schön und wunderbar. Es gibt unendlich viele Aktivitäten, die keinen Rausch benötigen, aber einen substanzfreien Kick bieten. Und ja, der Sex ist deutlich besser. Ich möchte nie wieder trinken müssen und werde alles Erdenkliche dafür tun, damit dies so bleibt. Jeden Tag. Für einen Tag. Aufs Neue. Bis zum Schluss!
Dieser Blog dient als Anregung und Inspiration für Menschen, die ein Alkoholproblem haben und informiert allgemein - auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlicher Erfahrung - über die Krankheit. Er ist kein substitut für professionelle therapeutische oder medizinische Hilfe. Wenn Du ein akutes Problem hast oder professionelle Hilfe benötigst, dann wende Dich an eine professionelle Stelle.






Kommentare